| Zur Malerei von Martin Jagodzinski: | |
Martin Jagodzinski malt Landschaften, die vom Wesen der Natur erzählen, indem die stetige Verwandlung ihrer Erscheinungsformen zum Thema gemacht wird. Eindrücke, die der Maler während seiner Reisen an die Ostsee, den Atlantik, das Nordmeer, und auch in der Mark Brandenburg in Zeichnungen und Fotos festgehalten hat, dienen als Ausgangsmaterial für die freie Komposition im Atelier. Die Land- schaften und Seestücke, die so entstehen, sind keine zufälligen Spiegelungen gesehener Landschaften. So wie die Bildnismalerei nicht nur den äußeren Schein, sondern den Charakter des Portraitierten zu erfassen sucht, künden die Landschaften vom Wesen der Natur. Was sich im zeitlichen Nacheinander vollzieht, wird in ein gleichzeitiges Geschehen überführt. Dabei vernetzen sich die Elemente Schritt für Schritt, zunehmend in immer größeren Verbindungen, bis sie sich in ihnen verlieren. Dennoch behalten sie ein Eigenleben als Mikrokosmos in der endlosen Weite – als kleine Welt für sich. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitpunkte zeigt sich auch an den Hell-Dunkel-Kontrasten von Meer, Wolken und Licht. Ein tiefes dunkles Meer wird z. B. durch einen hellen, fast immateriellen Strand völlig aufgehoben, so dass sich die Natur stets im Schwebezustand zwischen Entstehung und Auflösung befindet. Dieses beängstigende Verlorensein im überzeitlichen Wandel der Natur, welches die Landschaftsbilder durch die Darstellung ihrer nie- mals endenden Bewegung hervorrufen, thematisieren auch die Nacht- stücke durch die in der Dunkelheit erlebte Orientierungslosigkeit des Betrachters. Die Landschaft erscheint hier wie die verwirrende Kollage von Eindrücken während einer Reise oder eines Fluges. Es bleibt unklar, was der Mensch davon wirklich wahrnehmen und verstehen kann; Erkennbares wird durch Rätselhaftes überlagert. Das Licht ist hell, dringt aber nicht durch die Tiefe. Die Sicht des Betrachters wird auf die mutmaßliche Wahrnehmung eines Insekts reduziert, das nachts von trügerischen Lichtquellen angezogen wird. Sieht und erfasst ein Mensch im hellen Tageslicht wirklich mehr als in der Nacht? Oder täuscht ihn die Fülle des Tages so, wie die Straßen- leuchte das Insekt im Flug durch die Nacht? Das respektvolle Staunen vor dem unheimlichen Rätsel der Natur, das den Blick des heutigen Betrachters so selbstverständlich ausmacht, ist jedoch erst das Ergebnis eines langen kulturhistorischen Prozesses. Denn die Erfindung der Land- schaftsmalerei als autonome Gattung in der Frühen Neuzeit verdankt sich einem sonderbaren Paradoxon: Erst mit dem Beginn der Vergewal- tigung und Ausbeutung der Natur durch den Menschen wird die Natur bildwürdig. Nachdem sich der Mensch der Renaissance im Bewußtsein völlig von der Natur emanzipiert hatte und Menschheitsgeschichte nicht mehr als Teil der Naturgeschichte behandelt wurde, war es ihm möglich, den heute so selbstverständlichen ästhetischen Blick auf die Natur zu richten. So wurde die Landschaftsmalerei als Bildaufgabe „entdeckt“, parallel zu den gewaltsamen Entdeckungen neuer Welten im Zeitalter der europäischen Expansion. Damals wurde unsere eigene Natur, die „Natur des Menschen“ also, von uns selbst getrennt und nach außen verlegt. Von dort schaut sie uns seitdem vorwurfsvoll, wie ein verletz- tes Tier, an. Die Selbstentfremdung des Menschen hat somit die Landschaftsmalerei erfunden, und dieser Vorgang hat sich seit der industriellen Revolution nochmals erheblich beschleunigt. Das erklärt die Melancholie, die sich selbst einem noch so heiteren Blick auf die Natur immer unweigerlich beigesellt; irgendwie bleibt es immer ein Blick zurück ins verlorene Para- dies, belastet mit einem biblischen Schuldkomplex. Wenn nun aber das Meer zum Bildthema der Landschaft erhoben wird, potenziert sich dieses Schisma von Mensch und Natur zu mythischer Größe. Denn die endlose Formlosigkeit des Meeres entzieht sich per se jeder Beherrschung durch den ästhetischen Blick des Menschen: alle Hilfsmittel des Landschafts- arrangeurs wie Kulissen, Proszenium oder Repoussoir wirken hier depla- tziert und kleinlich. Künstler und Betrachter werden gezwungen, mit vollem Bewußtsein in einem vorbewußten Zustand unterzutauchen, ähnlich wie Richard Wagner seine Heldin Isolde in einem unbeschreib- lichen und ohrenbetäubendem Getöse von Wogen und Wellen untergehen und mit dem Kosmos eins werden lässt: „Wie sie schwellen, mich umrauschen, soll ich atmen, soll ich lauschen? ... in des Welt-Atems wehendem All – , ertrinken, versinken ...“ Martin Lade, M. A. Zur Ausstellung in Lübeck 2011: | |
| Liebe Gäste, Freunde der Künstlerei und Kunstsinnige! Es ist doch erstaunlich, wie unterschiedlich Künstler die Welt sehen. Natürlich – jeder Mensch sieht die Realität auf seine Weise – aber ihre Transformation in Kunst bedarf doch neben einer wie auch immer gearteten Interpretation einen authentischen Kern. Ein ›Inneres‹, das nach außen projiziert fühlbar macht, was für den Künstler substantiell ist. Dabei geht es nicht um die Frage ›Was will der Künstler damit sagen?‹ sondern vielmehr darum, dass im Betrachter selbst Emotionen geweckt werden, die ihm eine neue, manchmal befremdliche, immer aber bereichernde Sicht auf die Welt vermittelt. Das ist auch das Spannende daran, neue Menschen kennenzulernen. Wenn sie es zulassen, dass man ihnen ins Herz schaut, kann das sehr bereichernd sein. Allerdings muss man sich natürlich darum bemühen. – Über Smalltalk hinaus einem Menschen wirklich zu begegnen, dauert etwas und ist absolut nicht immer inklusive. – Ein besonderes Geschenk. – Ein Geschenk, das uns Künstler ganz ohne Umschweife machen, indem sie uns ihre Bilder zeigen. Martin Jagodzinski präsentiert uns mit seinen Arbeiten eine seltsame Realität. Eine, in der Vergangenheit und Zukunft zu einer irrealen Gegenwart verschmelzen, in der es dunkel ist und gleichzeitig hell, in der die Luft wie Wasser schwillt und die uns traumgleich entgegen schimmert. Seine Bilder erscheinen wie Sequenzen einer Erinnerung; wie ein Dejavu-Erlebnis. Der Blick aufs Meer wirkt vertraut und gleichzeitig befremdlich; manchmal, wenn Rot aufgischtet, bedrohlich, lustvoll oder traurig. Selbst eine Gruppe Badender, die im Wasser planschen kommt angesichts des dräuenden, tiefen Himmels über ihnen eher bedrückend daher. Es ist nicht, was es ist. Die Bilder Martin Jagodzinskis sind Landschaften auf den ersten Blick. Seestücke, Bauten, Menschen … mit fast fotografischer Genauigkeit portraitiert und hervorragend gemalt. Aber irgendetwas stimmt nicht. Auf jedem Bild. Es ist schwer fassbar, was das ist; man kann es vielleicht vergleichen mit dem Gefühl, das einen beschleicht beim nächtlichen Weg durch einsame Straßen auf dem Weg von einem Fest nach Hause. – War da was? Oder mit der Spannung, die in der Luft liegt wenn man irgendwo eingeladen wird und das Paar hat sich gerade gestritten. Man spürt förmlich, wie es knistert, in den Bildern von Martin Jagodzinski – aber wenn man nachsieht, ist da nichts. – Vielleicht nur eine Spiegelung… Man wendet sich ab, aber muss immer wieder zurücksehen, zu dem Einfamilienhaus und sich fragen: Was ist da passiert? Überhaupt kann man seinen Blick schwer abwenden, denn die Bilder sind gleichzeitig von großer Ästhetik. Farblich kraftvoll und sicher, harmonisch im Aufbau und spannungsreich in Licht und Schatten. Es sind Arbeiten, die in moderne Häuser passen, die in ihrer Einzigartigkeit die Individualität und den Stil ihrer Bewohner widerspiegeln und die den Anspruch der Kunst deutlich machen, mehr zu sein, als ein Stück Dekoration. Kunst – und insbesondere die Bilder von Martin Jagodzinski ist der zeitgenössische Blick auf die Gesellschaft der Gegenwart, auf Strömungen und Potentiale, die unterhalb von lifestyle ihre Wirkung haben und nicht zuletzt auf ein Stück Seele des Künstlers. | |
Anja Es | |